Nun ist es also wieder passiert – erneut scheint ein psychisch gestörter junger Mann derart frustriert über seine Lebenssituation gewesen zu sein, dass ihm ein Amoklauf als einzig sinnvolle verbleibende Alternative erschien. Nach Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 wurden erneut mitten in Deutschland unschuldige Menschen aus ihren Leben gerissen – und erneut war der Tatort eine Schule. Doch anders als diese vorangegangenen Taten haben die Geschehnisse in Winneden das Potenzial, die Politiker von CDU und CSU in eine tiefe Sinnkrise zu stürzen.
Denn auch wenn sich laut Staatsanwaltschaft Ego-Shooter auf seiner Festplatte befunden haben mögen, war Tim K., der als nett und unauffällig beschrieben wird und insbesondere als Tischtennisspieler sportlich aktiv war, alles andere als ein Zocker, der seine Tage mit dem Spielen sogenannter Killerspiele verbringt. Damit aber erweist sich das Erklärungsmodell für solche Taten, auf das konservative deutsche Politiker seit geraumer Zeit zurückgreifen, schlicht als unzutreffend: Die Ursache sind in diesem Fall eben nicht brutale Computerspiele, die – angeblich – an sich friedliche Jugendliche in Gewalttäter verwandeln würden. Zwar können gewalttätige Spiele bei psyschisch labilen Personen das Aggressionspotenzial steigern – gleiches trifft jedoch genauso auf gewalthaltige Filme, Liedtexte oder auch Bücher zu.
Anstatt also reflexartig die Schuld für solche Taten bei Computerspielen zu suchen und auf erneute Verschärfungen des Jugendschutzes zu drängen, sollte dieser aktuelle Fall vielmehr dazu anregen, sich mit den eigentlichen Ursachen solcher Amokläufe auseinanderzusetzen. Tim K. war nämlich – wie soviele seiner Vorgänger – ein Waffennarr; seinen Vater begleitete er zum örtlichen Schützenverein, in seiner Freizeit übte er zudem mit Softairpistolen im elterlichen Keller. Schützenvereine mögen eine heilige Kuh der Konservativen insbesondere in Süddeutschland sein – dennoch sollte spätestens jetzt über die Daseinsberechtigung dieser Vereine diskutiert werden. Wozu benötigen wir Vereine, in denen Zivilisten den Umgang mit tödlichen Schusswaffen erlernen und trainieren? Wieso räumen wir zivilen Personen überhaupt das Recht ein, Waffen zu besitzen und zuhause zu lagern? Sollte das Gewaltmonopol in einem modernen demokratischen Staat nicht stets ausschließlich beim Staat liegen?
Ob Erfurt, Emsdetten oder Winneden- die Täter waren jeweils versiert im Umgang mit den von ihnen genutzten Tatwerkzeugen, gelernt hatten sie die Nutzung dieser Waffen zumeist in Schützenvereinen. Die Tatwaffen wiederum waren legal erworben worden, von den Tätern selbst oder aber von ihren Eltern. Wenn man also wirklich zukünftige Amokläufe verhindern will, sollte man an diesen Punkten ansetzen, also Schützenvereine und den privaten Besitz von Waffen deutschlandweit generell verbieten. Denn ein vorgestellter, gedanklich durchgespielter Amoklauf wird erst dann zu einer tatsächlichen Bluttat, wenn der potenzielle Täter auch die Möglichkeiten (sprich Waffen und die Fähigkeit damit umzugehen) dazu erlangt.
